Weihnachtsbrief

Liebe Mitarbeitende und Auszubildende, liebe Kundinnen und Kunden,

liebe Vereinsmitglieder und befreundete Menschen unseres Hofes!

Wieder stehen wir am Ende eines herausfordernden Jahres, bedürftig nach Unbeschwertheit, Lebendigkeit und Lebensfreude. Gleichzeitig scheinen die augenblicklichen Lebensumstände die Erfüllung dieser Bedürfnisse fast unmöglich zu machen. Doch worauf kommt es denn wirklich an?

Die Advents- und Weihnachtszeit kann uns eine Hilfe sein, innerlich zur Ruhe zu kommen, um dieser Frage vielleicht ein wenig nachzugehen.

Was uns als Gemeinschaft in diesem Jahr in unserem Arbeitsalltag und in der Rückschau auf 30 gemeinsame Jahre bewegt hat, möchten wir hier ausschnittweise erzählen.

„Visionen als beflügelnde Hoffnungen“ (hier kommen sie zur Bildergalerie)

Unter dieser Überschrift haben wir im Frühherbst mit einer Kunstausstellung auf dem Hofgelände unser 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dem ging eine intensive Vorbereitungszeit mit Künstlerinnen und Künstlern unserer Region voraus. Für mehrere Wochen haben verschiedene Kunstwerke und Veranstaltungen unserem Hof eine besondere Prägung gegeben. Ihre Themen waren vielfältig und hatten auf verschiedene Weise einen Bezug zu uns und unserer Arbeit. In den einzelnen Werken haben wir unsere Vision und Lebenspraxis wiedergefunden:

Mannigfaltigkeit wollen und pflegen, verschiedene Blickwinkel zulassen, eigene Grenzen erkennen und anerkennen, innere und äußere Beweglichkeit üben, Klarheit und Mut zeigen, bewusstes Stillwerden, Geistesgegenwärtigkeit üben und die Qualität der Liebe immer wieder innerlich erzeugen und weitergeben.

Doch noch viele andere Themen haben uns in diesem Jahr beschäftigt. Wie sehr das Gleichgewicht auf der Erde gestört ist, haben uns viele Naturkatastrophen in diesem Jahr eindrücklich vor Augen geführt. Viele Menschen sind weiterhin auf der Flucht. Unser Mitgefühl gilt denen, die unter diesen Entwicklungen leiden und mit großen Unsicherheiten leben müssen.

Wir selber blicken auf ein arbeitsreiches, gutes Jahr zurück. Ein Jahr, in dem wir wieder mit großer Dankbarkeit erleben konnten, an was für einem wunderbaren Ort wir arbeiten und wie reich an Begegnungen und Austausch unser menschliches Umfeld ist, in dem wir leben dürfen.

So freuen wir uns über eine reiche Futterernte, einen vollen Stall, der nach einer Erweiterung ruft, einen guten Absatz unserer Käsespezialitäten, über eine gute Getreideernte, ein gut gefülltes Kartoffellager und ein qualitativ und quantitativ tolles Gemüsejahr. Doch es wächst nicht von alleine. Für all das braucht es immer wieder unsere besondere Hingabe, Flexibilität, Wachheit und Geduld und gleichzeitig ein bewusstes Arbeiten, damit wir die Prozesse fördern und nicht durch falsches Handeln stören. In diesen Momenten, in denen es uns gelingt, mit unserer ganzen Aufmerksamkeit und innerer Herzenszuwendung unsere Arbeit bewusst zu gestalten, die Pflanzen und Tiere liebevoll zu versorgen und zu pflegen, sind wir als Menschen kulturschaffend und – im erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys – Künstler. So gehört die Kunst schon lange in unseren Lebensalltag, ganz abgesehen vom täglichen gemeinsamen Singen und anderen gemeinschaftsbildenden Festen und Aktivitäten, die wir zusammen erleben.

Und dann gibt es noch die „Soziale Kunst“, die unser Gemeinschaftsleben von uns fordert. Dazu gehört die Fähigkeit der Rücksichtnahme, der inneren Be-wegung zum anderen hin, um ihn in seinem Tun und in seiner Entwicklung zu unterstützen und empathisch anzunehmen. Gleichzeitig hat jeder von uns das Bedürfnis, an der Umsetzung seiner eigenen Impulse zu arbeiten. In diesem

sozialen Entwicklungsfeld bewegen wir uns seit 30 Jahren und empfinden es als Geschenk, dass wir immer wieder Wege gefunden haben, auch Differenzen und Unterschiedlichkeiten - denn wir alle sind Individualisten - zuzulassen und uns daran weiter zu entwickeln.

Doch das Gemeinschaftsleben braucht auch einen geeigneten Raum. Unser bisheriger Gemeinschaftsraum ist über die Jahre zu klein geworden. Unser alter Laden hatte noch keine neue Bestimmung. Da lag es jetzt auf der Hand, ihn aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken und als neues Zentrum für unsere Gemeinschaft umzugestalten. Viele Stunden haben vor allem unsere jungen Mitarbeiter, Auszubildenden und Hofkinder mit viel Freude und Motivation in schweißtreibende Abrissarbeiten eingebracht – in umfangreiche Bodenaufbauten, Isolierungen der alten Wände und neue Einteilungen für Büroräume, den Sanitärbereich und einen Schmutzschleuseneingang. Der große Raum hat einen Holzfußboden und ein großes Fenster zum Garten bekommen und der besondere Hin-

gucker ist die schöne Küche für die Hofgemeinschaft, in der zukünftig auch das gemeinsame Kochen unserer Auszubildenden stattfinden kann. Noch sind wir nicht eingezogen, aber es wird nicht mehr lange dauern. Es ist eine Investition in die Zukunft des Gemeinschaftslebens, durch die die Bedeutung des Miteinanders wertgeschätzt wird.

Unser Hofcafé konnte viele Monate leider kein Begegnungsort sein. Als die Terrasse wieder geöffnet wurde, war es wie ein vorsichtiges Aufatmen. Es bleibt noch unsicher, wie wir über die nächsten Wochen und Monate kommen werden. Wir sind trotz allem sehr froh, dass unsere Kunden unsere verschiedenen Angebote gut angenommen haben, mit uns geduldig waren und hoffentlich auch noch weiterhin sind. Wir alle versuchen, einen bestmöglichen Weg durch diese Zeit zu finden.

Wir wünschen uns sehr, dass mit dem kommenden Frühjahr Begegnungen wieder unbeschwerter möglich sein werden. Auch unsere Veranstaltungen werden dann hoffentlich wieder zahlreicher sein. In diesem Sommer haben wir vieles nach draußen verlegt. Es hatte eine besondere Qualität, einen Vortrag oder ein Konzert unter freiem Himmel angesichts eines Sonnenuntergangs zu erleben, dabei die Vögel singen zu hören und den Duft der Wiesen wahrzunehmen. Bevor man dann zu sehr ins beglückte Schwelgen kam, fuhr kurz der Zug vorbei oder die Ballenpresse klapperte auf dem entfernten Feld und lies die Futterballen fallen. Da war man dann wieder im Hier und Jetzt, an einem Sommerabend in Fredeburg.

Die Veranstaltungen für das kommende Jahr stehen nur zum Teil im umseitigen Kalender. Weitere werden zur gegebenen Zeit auf unserer Internetseite und über unseren Hofladen bekannt gegeben.

Wir empfinden eine große Dankbarkeit für den unermüdlichen Einsatz aller Menschen, die in den vielen Bereichen unseres Hofes arbeiten, unser Leben mitgestalten und weiterentwickeln. Mit euch an unserer Seite gehen wir zuversichtlich in das neue Jahr!

Eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach Lebendigkeit und Glück können wir vielleicht in den Worten von Luigi Nono finden:

 

Lebendig ist, wer wach bleibt

sich dem anderen schenkt

das Bessere hingibt

niemals rechnet.

Lebendig ist, wer das Leben liebt

Seine Begräbnisse, seine Feste

Wer Märchen und Mythen

auf den ödesten Bergen findet.

Lebendig ist, wer das Licht erwartet

in den Tagen des schweren Sturms

Wer die stilleren Lieder

ohne Geschrei und Schüsse wählt

Sich dem Herbst hinwendet

und nicht aufhört zu lieben.

 

Die Aufgabe unserer Zeit scheint zu sein, nicht müde zu werden, die Momente des Glücks im Alltäglichen zu erkennen, die Kraft der Liebe in uns lebendig zu halten und hoffnungsvolle Visionen für eine lebenswerte Zukunft zu entwickeln und umzusetzen. Lebendigkeit erleben wir, wenn wir selber Gestalter unserer Wirklichkeit sind. Das klingt nach Arbeit, aber was wäre die Alternative? Wir bleiben dran. Gemeinsam schaffen wir es! In diesem Sinne wünschen wir allen eine herzenswarme und lichtvolle Weihnachtszeit und kraftvolle innere Bilder für das neue Jahr. Wir freuen uns auf die gemeinsamen Erlebnisse und Begegnungen!

Mit herzlichen Grüßen,

Agnes und Florian Gleißner, Anne-Maria und Arne v. Schulz, Susanne und Alfons Trapp, Julia und Lothar de Vries